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Eintrag vom 13.06.2022

Finanzprofessor Thorsten Hens: «Die Devise ‹Augen zu und durch› führt bei der Geldanlage durchaus zu

Finanzprofessor Thorsten Hens: «Die Devise ‹Augen zu und durch› führt bei der Geldanlage durchaus zu Erfolg»

Wie sollten Anleger auf die jüngsten Kursverluste an der Börse reagieren? Thorsten Hens, Professor an der Universität Zürich, gibt nervösen Privatinvestoren sechs wichtige Ratschläge aus der Wissenschaft.

 

Geduld ist bei der Geldanlage wichtig für den Erfolg, ein hektisches Hin und Her schmälert zumeist die Rendite.

 

An den Aktienbörsen regiert die Nervosität. Seit Anfang Jahr hat das Schweizer Leitbarometer Swiss-Market-Index (SMI) mehr als 12 Prozent verloren, der europäische Euro-Stoxx-50 sogar fast 15 Prozent und der amerikanische S&P 500 mehr als 19 Prozent.

 
 
 

 

Zudem sind die Aussichten alles andere als rosig: Der Ukraine-Krieg hält an, und die Inflation ist weiter hoch, was die Zentralbanken zu Zinserhöhungen zwingt. «Die Notenbanken haben die Zinswende lange genug vor sich hergeschoben, doch angesichts des Preisschubs kommen sie nun nicht mehr darum herum», sagt Thorsten Hens, Finanzprofessor an der Universität Zürich, im Gespräch.

Es bestehe eine erhebliche Gefahr für eine Rezession der Weltwirtschaft. Kurzfristig gesehen seien das für die Aktienbörsen keine guten Aussichten. «In diesem Jahr wird es für Aktieninvestoren schwierig werden, eine positive Rendite zu erzielen», sagt Hens.

Thorsten Hens, Professor am Institut für Banking und Finance an der Universität Zürich

Thorsten Hens, Professor am Institut für Banking und Finance an der Universität Zürich

PD

Wie sollten Anlegerinnen und Anleger auf die Kursverluste an der Börse reagieren? Der Finanzprofessor liefert dazu einige Erkenntnisse aus der Wissenschaft sowie der Praxis.

1. Es braucht Mut

Auch wenn Hens kurzfristig keine guten Perspektiven für Aktien sieht, empfiehlt er Anlegerinnen und Anlegern, investiert zu bleiben. Eine noch nicht publizierte Auswertung von mehr als 150 000 Depots von privaten Anlegern eines Online-Brokers in der Schweiz, die Hens und Kollegen gemacht haben, habe ergeben, dass der Erfolg bei der Geldanlage vor allem davon abhänge, ob die Anleger über längere Zeiträume hinweg investiert bleiben oder nicht.

«Die Devise ‹Augen zu und durch› führt bei der Geldanlage durchaus zu Erfolg», sagt der Finanzprofessor. Im derzeitigen Umfeld empfiehlt er, die vorgesehene Aktienquote beizubehalten. Dies bedeutet im Umkehrschluss, dass man nachkaufen sollte, wenn der Wert der Aktien und damit die Allokation im Depot gesunken ist.

 

2. Längerfristig auf Aktien zu setzen, zahlt sich aus

Da Anleger für das Investieren in Aktien eine Risikoprämie bekommen, ist es laut Hens sinnvoll, auf diese Wertpapiere zu setzen. «Einer der grössten Fehler bei der Geldanlage ist, nicht anzulegen», sagt Hens. Das koste 7 Prozent Rendite pro Jahr. Wissenschaftliche Studien hätten zudem ergeben, dass Privatanleger, die in der Krise abspringen – also ihre Aktien-Investitionen verkaufen –, dadurch mit Renditeeinbussen in Höhe von 20 bis 30 Prozent zu rechnen hätten.

3. «Market Timing» vermeiden

Fast keinem Anleger gelingt es, zum jeweils richtigen Zeitpunkt an der Börse ein- und wieder auszusteigen und so eine Mehrrendite zu erzielen. Dabei kommen ihnen nicht zuletzt Emotionen wie Gier und Angst in die Quere. Die Wissenschafter Geoffrey Friesen und Travis Sapp haben in einer Studie über die Periode 1991 bis 2004 die Market-Timing-Fähigkeiten von Privatanlegern untersucht, die in Aktienfonds investiert waren. Dabei kam heraus, dass die Market-Timing-Entscheidungen der Anleger ihre Renditen um durchschnittlich 1,56 Prozentpunkte verringerten.

Daten des US-Finanz-Research-Hauses Dalbar für das erste Halbjahr des Jahres 2021 zeigen Ähnliches: Demnach entnahmen Investoren mit einem US-Aktien-Portfolio von 100 000 Dollar in den ersten sechs Monaten des Jahres im Durchschnitt 1518 Dollar und erzielten mit ihrem Portfolio in diesem Zeitraum Kursgewinne in Höhe von 12 943 Dollar. Anleger, die eine «Kaufen und Halten»-Strategie fuhren, die Rendite des US-Leitindexes S&P 500 erreichten und kein Geld entnahmen, erreichten hingegen Gewinne von 15 252 Dollar.

Wie eine Auswertung von 2700 Schweizer Anleger-Depots im Jahr 2021 durch den Finanzdienstleister VZ Vermögenszentrum gezeigt hat, lag die durchschnittliche Rendite derselbigen um 3,6 Prozentpunkte unterhalb der Marktrendite. Auch hier dürfte «Market Timing» eine Rolle gespielt haben. «Hin und her macht Taschen leer», lautet zudem eine alte Börsenregel. Anleger, die viel handeln, zahlen zudem hohe Transaktionskosten und schmälern dadurch ihre (Netto-)Rendite.

 

4. Vorsicht bei Kriegs-Anlageregeln

Dazu passt auch, dass sich Anlageregeln für Kriegszeiten à la «Kaufen, wenn die Kanonen donnern, und verkaufen, wenn die Violinen spielen» nicht immer bewahrheiten. Ob dies der Fall ist oder nicht, hänge davon ab, ob sich der Krieg vorher abgezeichnet hat oder nicht, sagt Hens. Nach dem Ausbruch des Irakkriegs 2003 habe sich der US-Aktienmarkt innerhalb kurzer Zeit um 47 Prozent erholt. Auch beim Ausbruch des Zweiten Weltkriegs oder des Vietnamkriegs seien ähnliche Entwicklungen zu beobachten gewesen.

Beim Beginn des Ukraine-Kriegs am 24. Februar dieses Jahres seien dessen Folgen aber noch nicht vollständig in den Aktienkursen eingepreist gewesen, sagt der Finanzprofessor. Zudem hätten Politiker wie auch Anleger ihr Bild des russischen Präsidenten Wladimir Putin revidieren müssen. «Seit Ausbruch des Kriegs sinken die Aktienkurse, wenn der Krieg eskaliert, und wenn die Hoffnung auf Frieden steigt, schiessen die Kurse nach oben», sagt Hens. Die obengenannte Kriegs-Anlageregel führt hier also nicht weiter.

5. Anlagestil definieren

Hens empfiehlt, einen Anlagestil zu definieren, der zur eigenen Persönlichkeit passt, beispielsweise «Safety First» oder «Kaufen und Halten». Bei «Safety First» investiert ein Sparer kaum und hortet sein Geld lieber. Bei «Kaufen und Halten» legt er das Geld an, diversifiziert und lässt es liegen, um von der Risikoprämie von 7 Prozent pro Jahr an der Börse zu profitieren und keine unnötigen Transaktionskosten zu generieren.

Weitere Anlagestile sind «Value», «Growth» und «Momentum». «Value»-Anlegerinnen und -Anleger suchen mittels Kennzahlen nach unterbewerteten Aktien. Growth-Investoren versuchen hingegen, Unternehmen auszuwählen, die in Zukunft erfolgreich sein werden. Beim Anlagestil Momentum geht es derweil darum, Trends zu folgen. Zum Schutz vor Verlusten setzen Anleger hier oftmals Stopp-Loss-Mechanismen ein.

 

Abgesehen von «Safety First» sind die Rendite-Unterschiede zwischen den Anlagestilen nicht gross. Zudem sind sie wechselhaft, wie die Börse selbst. Der Sinn darin, einen Anlagestil zu wählen, der zu einem passt, ist, an der Börse auch in Krisen investiert zu bleiben.

6. Auf die Kosten von Anlageprodukten achten

Auch sollten Privatanleger – ob in Krisenzeiten oder nicht – unbedingt auf die Gebühren von Anlageprodukten achten. Zumeist sind Indexfonds und Exchange-Traded Funds (ETF) günstiger als aktiv verwaltete Fonds.

Wie eine Auswertung der Schweizer Anleger-Depots durch den Finanzdienstleister VZ Vermögenszentrum gezeigt hat, verkaufen Banken ihren Kundinnen und Kunden auch weiterhin am liebsten ihre eigenen Finanzprodukte und beraten sie dementsprechend. Dies gilt auch dann, wenn diese teurer sind und eine schlechtere Performance abgeworfen haben als jene der Konkurrenz. Laut der Untersuchung bestanden die 2021 untersuchten Schweizer Anleger-Depots zu 63,2 Prozent aus bankeigenen Produkten.

Demnach stagniert die Gesamtkostenquote (Total Expense Ratio) für Anlagefonds seit Jahren knapp oberhalb der Schwelle von 1 Prozent. Dies sei immer noch eine stattliche Gebühr, wenn man bedenke, dass Anleger für Indexfonds und ETF im Durchschnitt 0,04 bis 0,3 Prozent pro Jahr zahlen müssten, heisst es in der Studie. Für aktiv verwaltete Fonds zahle der Investor hingegen schnell einmal 1 bis 2 Prozent an jährlichen Gebühren. Die meisten dieser Fonds schlagen ihren Vergleichsindex nach Abzug der Kosten aber nicht, zumindest nicht auf längere Sicht.

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